Kammerchor der Musikhochschule Stuttgart

"Hohe Stunde der Chormusik" (Rems-Zeitung)

Tatjana Fellermeier

„Ein Klangfest der Stimmen“ – selten litt eine Konzertankündigung an Untertreibung. Was der Kammerchor der Musikhochschule Stuttgart unter seinem Leiter Denis Rouger (Professor dort seit 2011) bot, sprengt alle Superlative. Die Klosterkirche Lorch erlebte eine A-cappella1-Aufführung von zwei Mal 45 Minuten – allein schon ein physischer Kraftakt sondergleichen. Die etwa 35 Vokalisten belegten aufs Eindrucksvollste, warum der Chor beim letztjährigen Internationalen Wettbewerb der Kammerchöre in Mosbach den 1. Preis gewann. Das Motto von NDR Kultur, „hören und ge-nießen“, vielleicht zuweilen als trivial empfunden, kann nicht besser umschreiben, was da an musikalischer Güte den längsten Tag des Jahres als „Fête de la Musique“ ausmachte. So konnte das Publikum, das an Zahl die Veranstalter regelrecht überwältigte, im ersten Teil deutsche, im zweiten ausschließlich französische geistliche Musik der Spätromantik und der dezent klassischen Moderne erleben. Vor allem der zweite Teil gab Einblick in für manchen Besucher (noch) unbekannte kompositorische Werkstätten unseres Nachbarlandes. Kennt man hierzulande außer Helmuth Rilling kaum einen Chordirigenten, der alles auswendig dirigiert, so überwältigte Denis Rouger in der ihm eigenen Weise! Das Wort von Kurt Thomas, es gebe keine schlechten Chöre, sondern nur schlechte Chorleiter, fand in ihm die äußerst positive Umkehrung. Die dürre Beschreibung der Qualitätskriterien vermag nur marginal deren Kunst zu kennzeichnen: eine permanent durchgehaltene Homogenität in ausgefeilt dynamischer Bandbreite bis in strahlend exponierte Höhe, eine feine Agogik als dezente Akzentuierung des Ausdrucks, eine selbstverständliche Beachtung der Syntax und Schlüsse, die ganz organisch und ohne die sattsam übliche Zäsierung in den letzten Ton mündete – allesamt keineswegs selbstverständlich, wie die (bitteren) Erfahrungen mit den meisten international etablierten Dirigenten belegen: Mainstream versus rationale Gründlichkeit. Man sollte jeden angehenden Chorleiter bei Rouger „in die Lehre“ schicken. Was wohl die meisten Konzertbesucher als wunderbar mitvollzogen, erweist sich als gediegenstes Ergebnis sauberer Analyse, Reflexion und Kreativität. Selbst im zupackenden Fortissimo bleibt Rougers Gestik rund. „Eckige Schlagtechnik“ gibt es bei diesem Klangmagier nicht. Das Ergebnis ist ein ständiges Strömen der Klänge, sehr wohl vielfältig differenziert – eigentlich der Reife romantischer Einheitlichkeit geschuldet, ohne je ins Sentimentale abzugleiten. Des halb bleibt alles wundervoll durchsichtig, nur darum kann es derart berühren! Auch das Durchhalten der Spannung jeder Coda offenbart aufs Neue die musikantische Vorstellung, die jeder Interpretation vorausliegen muss, wenn sie denn „anstecken“ will. Auch die Tatsache, dass Mendelssohn Bartholdys Engels-Psalm aus dem „Elias“ (Ps. 91, 11– 67 12) als Segens-Zugabe den Konzertbesuchern mitgegeben wurde, zeigt die angemessene Verwurzelung dieses vorzüglichen Dirigenten. Neben Mendelssohn, Brahms und Rheinberger, von der Vier- bis zur Achtstimmigkeit, gab es von Kurt Hessenberg (der leider fast so vergessen ist wie seine exzellenten Komponistenkollegen Hugo Distler, Ernst Pepping, Theophil Laitenberger, Siegfried Rheda, Helmut Bornefeld, Kurt Thomas ...) „O Herr, mach mich zum Werkzeug deines Friedens“ auf einen Text aus dem „Souvenir Normand“ im Geiste des hl. Franz von Assisi (leider nicht mehr im neuen „Gotteslob“!). Hier wie später demonstrierten die Ausführenden vorbildlichst, dass Dissonanzen keine „Misstöne“ sind, sondern sehr wohl klingen – wenn sie denn, homogen intoniert, entsprechend durchgehalten werden. Nach der Pause gab es dann französische A-cappella-Literatur.

Zu André Caplets Frauenchor „O salutaris Hostia“ (Text des Thomas von Aquin für die Laudes des Fronleichnamsfestes: die fünfte Strophe des Hymnus „Verbum supernum prodiens“) zog der Chor durch die Seiteneingänge ein.

Neben den Beiträgen von Alfred Desenclos, Jacques Chailley und dem berühmten Francis Poulenc (u. a. in beispielgebendem Männerchor!) steuerte der Dirigent zwei Werke des eigenen Schaffes bei („Je voy les ruisseaux“ und – auf Deutsch gesungen – „Vitrail de psaumes“ mit Sopransolo und achtstimmigem Chor). Die

Verbindung von Tradition und Moderne weist Rouger als Meister der Komposition aus, eben nicht avantgardistisch-intellektuell verkürzt, sondern in der wohltuenden Einheit von Text und Gemüt.

Wen wundert es, dass der Beifall schier nicht enden wollte für diese Hohe Stunde der Chorkunst – schlicht als Kairos empfunden.

 

Peter Skobowsky, Schneeberg 17, 73655 Plüderhausen • E-Mail: peter@skobowsky.org